Weitsicht-Preis 2002
Der Weitsichtpreis 2002 wurde mit 5.000 € an Robert Peroni verliehen.
Der mit dem Eisbären tanzt
Faszinierendes Abenteuer am Polarkreis: Eisberge wie aus Glas, vom Gipfel ein Blick aufs Eismeer und das schauerliche Gebrüll der Schlittenhunde. Mit aller Kraft stemmen wir uns gegen den Wind. Auch auf Meereshöhe kann er gewaltige Energie entfalten. Der lockere Schnee fegt mit irrsinniger Geschwindigkeit waagerecht über die verharschten Geländekuppen. Gestern noch tobte ein Schneesturm, der alle an die warme Stube fesselte. Heute können wir eine kurze Orientierungstour auf Ski wagen. In Grönland sollten Skibergsteiger wind- und wetterfest sein.
Weitsichtpreis 2002 “Der Wind treibt mir Schnee in Mund und Nase, er reißt mir die Atemluft von den Lippen und lässt die Arme schwer werden. Ich bin festgenagelt.”
Beim Versuch, Grönland in der dunklen Polarnacht zu durchqueren, scheiterte der Südtiroler Robert Peroni an den gnadenlosen Naturgewalten und am gefürchteten Pitteraq.
“Ich spüre, wie der Wind versucht, mich in die Luft zu heben. Hart wie ein Holzstück trifft mich die Kapuze. Mit den Fingern kralle ich mich in den Schnee, versuche, mich unter den Böen wegzuducken und spüre dabei, wie meine Kräfte rasch nachlassen. Ich bin blind. Der Orkan hat mir die Augen eingedrückt.”
Mit letzter Kraft erreichen Robert und sein Freund Bartl im Kampf mit dem Sturm die rettende Siedlung Tiniteqilaq am Sermilik-Fjord.

Fünf Jahre zuvor, im Sommer 1983, war dem Expeditions-Abenteurer die erste Durchquerung Grönlands an der breitesten Stelle auf einer 1400 Kilometer langen Route gelungen. Unter unbeschreiblichen Strapazen hatte er sich mit drei Kameraden über den berüchtigten, bis zu drei Kilometer dicken Eispanzer gekämpft - ohne Schlittenhunde, ohne technische Hilfsmittel, ohne Nahrungsmitteldepots. Nach 88 entbehrungreichen Tagen waren sie in Nugsussuaq an der Westküste angekommen. Das Grönlandeis lässt Peroni seitdem nicht mehr los. Nun will er auch andere Menschen dafür begeistern.
In Ammassalik (auch Tasiilaq genannt), der Haupt- und Verwaltungsstadt Ostgrönlands, hat Robert Peroni vor einigen Jahren eins jener landestypischen roten Häuser zusammengezimmert und betreibt es als Gästehaus mit elf Zimmern, einem Restaurant und einer Küche für Selbstversorger. Im Sommer organisiert er Trekking-Trips auf der von Fjorden, steilen Felsbergen und schwimmenden Eisbergen umgebenen Insel. Im Winter sind es Ausflüge mit Hundeschlitten, die immer mehr Touristen in diese unwirtliche, aber faszinierende Gegend locken.
Nun werden es auch Ski-Alpinisten sein, die mit Fellen und aus eigener Kraft die schneebedeckten Gipfel erklimmen und Gletscher überqueren. Unsere Truppe leistet Pionierarbeit. Die Hoffnung auf Sonnenschein, der die Eisberge wie fein geschliffenes Kristall erstrahlen lässt, macht auch den Sturm erträglich. Als wir die Klippen am Inselrand erreichen, sehen wir die ersten Eisberge im türkisfarbenen Wasser schwimmen. Es ist April, und die Wärme hat das Eis früher als gewöhnlich aufgebrochen.
Das Packeis, das vor der Küste Ostgrönlands treibt, erschwert auch im Sommer die Schifffahrt. Ammassalik - eine Insel, die durch drei Fjorde vom Festland abgeschnitten ist - war deshalb bis in jüngste Zeit weitgehend von der Umwelt abgeschlossen. Nachdem dänische Händler im 18. Jahrhundert an Grönlands Westküste die ersten Siedlungen gründeten, sollte es noch bis zum Jahr 1884 dauern, bis Kapitän Holm als Erster die Ostküste entdeckte. Heute hält der Hubschrauber die Verbindung zur Außenwelt. Die schroffen, steilen Berge, die Gletscher und gefährliche Fallwinde verhindern einen normalen Flugverkehr. Touristen müssen auf dem ehemaligen amerikanischen Stützpunkt Kulusuk in den Helikopter umsteigen, wenn sie nach Ammassalik wollen. Die geographischen Unzulänglichkeiten konnten die Zivilisation und ihre Schattenseiten dennoch nicht aufhalten. Die 3 500 Einwohner, die in der ostgrönländischen Hauptstadt und Umgebung leben, sind von Krankheit, Alkoholismus und Arbeitslosigkeit bedroht. In den langen Polarnächten vertreibt das Fernsehen die Langeweile. Schnaps ist zwar sündteuer, aber die Sozialhilfe großzügig.
Die Grönländer sind seit 1979 autonom und nennen ihr Land seitdem in ihrer Sprache Kalaallit Nunaat. Ohne Unterstützung Dänemarks aber wären sie nicht existenzfähig. Sie wohnen in bunten, meist roten Holzhäusern, die nicht selten von der Regierung subventioniert sind. Das Leben ist extrem teuer. Es wächst kein Baum auf Grönland, Heizöl für den langen, kalten Winter muss für viel Geld importiert werden, ebenso warme High-Tech-Kleidung, die Marmelade, das Obst, das Mehl zum Brotbacken und der Treibstoff für Motorboote und Allradwagen. Weil die asphaltierte Straße nach ein paar hundert Metern am Stadtrand endet, steigt auf einen dröhnenden Motorschlitten, wer seinen Aktionsradius vergrößern will - und auch den Spaß. Aber leisten kann sich so ein Gefährt, das den sozialen Status hebt, nur wer Arbeit hat: Verwaltungsangestellte (die Mehrzahl), Ärzte (das Krankenhaus ist gut belegt) und im Tourismus Beschäftigte; das sind allerdings immer noch nur wenige.
Schweren Herzens hatte auch der Eigenbrötler Robert Peroni schon vor einigen Jahren einsehen müssen, dass der Tourismus die einzige Chance ist, den Lebensstandard der Menschen zu verbessern und zur gleichen Zeit ihr Selbstwertgefühl zu erhöhen. Vor Jahren schon wurde er gebeten: “Robert, schick uns deine Freunde, sie sind auch unsere Freunde. ” Seitdem bemüht sich der Südtiroler gemeinsam mit seinen Inuit-Partnern im Sommer und nun auch verstärkt im Winter, Urlauber ins Land zu holen. Und dies mit einer Idee: “Am liebsten würden die Grönländer wieder von der Seehundjagd und vom Walfischfang leben”, meint Peroni. “Sie sind Jäger aus Leidenschaft. ” Also gründeten sie eine “Jäger-Vereinigung”. Sie wollen wieder nach den alten Traditionen leben und dabei auch etwas Geld verdienen. Aber tiefgreifende ökologische und ökonomische Veränderungen haben die Menschen ihrer natürlichen Lebensgrundlage beraubt: Die Fische im Meer, traditionelles Hauptnahrungsmittel, werden weniger. Der Krabben-Export fand ein jähes Ende, als die kalten Wasserströme sich erwärmten und die kleinen Meerestiere sich zurückzogen. Dafür kamen die Robben wieder. Als internationale Naturschützer ihre Kampagnen starteten, brach der Markt für Seehundfelle zusammen, einst einer der wichtigsten Wirtschaftszweige Grönlands. Heute werden die Pelztiere nur noch für den Eigenbedarf und als Futter für die Schlittenhunde geschossen. Weil die Robben sich nun ungebremst vermehren können und ihr Appetit maßlos ist, leiden wiederum die Fischbestände. Ein Teufelskreis. Diesen kann auch Peroni kaum durchbrechen, wenn er die Urlauber aus seinem Gästehaus mit einem Eingeborenen auf Robbenjagd schickt oder Hundeschlittenfahrten organisiert. Die uralte Kunst, so ein Gespann geschickt zu führen, drohte durch den wachsenden Motorschlitten-Park auszusterben; dank der Touristen ist aber die Hundehaltung nun wieder interessant. Auch das alte Erdhaus, das noch vor zwanzig Jahren bewohnt war, wird jetzt wieder genutzt - für Veranstaltungen. “Wir wollen, dass sie ihre Identität bewahren”, verkündet Peroni mit missionarischem Eifer. Wohl wissend, dass es auch in Grönland erst einmal ums Geldverdienen geht.
Dialog mit den Inuit
Und das geht mit dem modernen Hotel, dem einzigen am Ort, scheinbar einfacher. Der isländische Besitzer holt große Gruppen, die meisten aus England, ins Haus. Hundeschlittenfahrten und Jagdausflüge sind deshalb gut gebucht. Und ab und zu gibt einer der ausländischen Gäste auch einmal eine Runde an der Bar aus, die jungen Grönländer eingeschlossen. Peroni wendet sich mit Grauen. “Da bleibt doch den Jägern nichts”, sagt er. “Die wirtschaften doch in die eigene Tasche.” Der Südtiroler hat den Ehrgeiz, es besser zu machen. Er plant ein Sportgeschäft, aber auch einen Kunstladen, in dem die Inuit das Sagen haben. (”Inuit” bedeutet ganz einfach “Mensch”; als “Eskimos” lassen sich die Grönländer nicht gern bezeichnen, denn das heißt soviel wie primitiver “Rohfleischfresser” - die Eingeborenen hatten nämlich kein Feuer zum Kochen). Das “Rote Haus” hat fast rund um die Uhr immer eine “offene Tür” - auch für alle Einheimischen. Peroni sucht den Dialog mit den Grönländern. Die fremden Gäste brauchen ihn dafür allerdings als Dolmetscher. Warum ist das Paar, das mit dem Hundeschlitten über den gefrorenen Sermilik Eisfjord angereist ist und wie alle, die an der Tür klopfen, zum Essen eingeladen wird, so schweigsam? Trauer lähmt ihre Sprache, erzählt Peroni später, als die Besucher wieder gegangen sind. Einer der Söhne hat sich das Leben genommen. “Schwermut”, erklärt der Gastgeber. “Er war ein ausgezeichneter Jäger. ” Und der Vierzehnjährige, der im Wohnzimmer des Gästeshauses jeden Tag nach der Schule mit seinen Kameraden würfelt? “Der Vater hat sich im Suff das Leben genommen.” Die hohe Selbstmordquote ist ein spezielles Problem in Ostgrönland. Inzwischen wurden eine Hotline und ein Hort für gefährdete Kinder eingerichtet. Es gibt eine Sporthalle und andere soziale Einrichtungen, wo Jugendliche sich treffen können. Der kleine Schlepplift im Ort, der nur am Nachmittag läuft, wird vom Ski-Club gerne zum Training benutzt.
Im Eismeer ertrunken
Anderntags ist hinter dem “Roten Haus” ein Eisbärfell zum Trocknen gespannt. Die Sensation ist groß. Eisbären vor der Stadt sind nicht ganz ungefährlich. Deshalb darf das schöne Raubtier geschossen werden. Notwehr. Ganz Ammassalik ist in Aufregung. Der staatliche Handel zahle etwa 4000 Mark für das Fell, wird erzählt. Ob die Frauen es heute noch weich kauen, konnte nicht in Erfahrung gebracht werden. Auch andere Fragen bleiben offen: War der Bär ein Einzelgänger, den eine Eisscholle angetrieben hat oder kam er geschwommen? Weil es für die Jahreszeit ungewöhnlich warm ist, zeigt die Eisdecke auf dem Fjord WasserPfützen und ist bereits dünn. Ein Fischer soll vergangene Woche ertrunken sein, weil er sich zu weit an den Rand des Eises vor dem offenen Meer gewagt hatte.

Wir wählen für die erste Skitour deshalb den sicheren Weg auf den Hausberg von Ammassalik: Sanfter Anstieg durchs noch schneebedeckte Blumental, steiler Hang unter dem Gipfel, dort eine atemberaubende Aussicht auf das tiefblaue Meer voller schwimmender weißer Eisberge und -schollen. Die windverblasene Abfahrt ist lehrreich, im flachen Teil aufgefirnt und samtig weich. In der Nachmittagssonne wird es so warm, dass wir in Hemdsärmeln auf einem Felsblock genüsslich Siesta machen können. Vergessen ist der Schneesturm vergangener Tage. Aus der Ferne dringt der Lärm der Motorschlitten nur noch ganz leise ans Ohr. Das schauerliche Gebrüll der Schlittenhunde, an denen wir auf dem Heimweg jedesmal vorbei müssen, ordnen wir als Lokalkolorit ein, dass uns auf der nächsten Skitour in den Alpen fehlen wird.
Die Kunst des Überlebens
Warum sonst sollten wir bis nach Grönland zum Skibergsteigen fliegen, wenn es nicht wegen Land und Leuten ist. Ab und zu hüpft ein Schneehuhn über die Harschdecke; sonst gibt es kein Wild, weil weder Bäume noch Büsche hier wachsen. Eisberge wie aus Glas - wir können sie anfassen, weil wir mit Ski über den gefrorenen Fjord daran vorbei laufen. Faszinierend auch das Schauspiel des allabendlichen Polarlichts: In grünlichen Farben schwingt es über den nachtschwarzen Himmel, manchmal stehen wir eine Stunde im Freien und starren stumm aufs Firmament. Am Tag wiederum ist das Licht so klar, dass die Entfernungen schrumpfen. Auf die andere Seite des Fjords scheint es nur ein Katzensprung zu sein. Wir brauchen aber etwas mehr als eine Stunde - die Skibindung auf Gehen umgeschaltet. Ein Jäger hat ein Loch ins Eis gehackt und eine Schnur ins Wasser gehängt. Mit Engelsgeduld wartet er, dass ein Fisch anbeißt. Zeit scheint keine Rolle zu spielen. Um diese Jahreszeit ist es bis zehn Uhr am Abend noch taghell. Wenn der Fisch jetzt nicht beißt, wird er in zwei oder drei Stunden oder Tagen zuschnappen. Der Gleichmut der Inuit, ihre Art zu leben, hat Robert von Anfang an fasziniert. Es ist ein Leben, geprägt von der Natur, von Sonne und Wasser, Schnee und Eis, von Kälte und Wärme, von Licht und Dunkelheit.
“Du findest hier keine Kultur in unserem Sinn”, erklärt er. “Die große Leistung der Menschen ist die Kunst des Überlebens”, sagt Peroni.
Autorin: Sabine Reuter
Fotos: Brigitte Rühland
